
José Piñera
José Piñera war von 1978 bis 1980 chilenischer Minister für Arbeit und soziale Sicherung und gilt als Vater der chilenischen Pensionsreform. Heute ist er Präsident des "International Center for Pension Reform" mit Sitz in Santiago, Chile, und stellv. Vorsitzender des "Cato Institute Project on Social Security Privatization" in Washington, D.C.
Mehr junge Amerikaner glauben an Ufos als an die Sicherheit ihrer späteren staatlichen Rente. Vernichtender kann das Urteil über das staatliche umlagefinanzierte Rentensystem wohl kaum ausfallen.
Als Otto von Bismarck 1883 die umlagefinanzierte Rentenversicherung einführte, hätte er sich nicht träumen lassen, daß die meisten Regierungen der westlichen Welt sein Modell übernehmen -- und daß rund 100 Jahre später alle diese Systeme vor dem Bankrott stehen würden. Die Absurdität eines umlagefinanzierten Systems ist vergleichbar mit der in Schriften von Franz Kafka. Dessen Tätigkeit bei einem Sozialversicherungsträger muß für ihn eine Quelle der Inspiration gewesen sein. Überall auf der Welt müssen die Verwalter der sozialen Sicherung wohl Alpträume haben angesichts des medizinischen Fortschritts und der Aussicht, daß immer mehr Menschen ihren 100. Geburtstag werden erleben können. Man träumt nicht mehr den Alptraum von riesigen Insekten wie in alten Science-Fiction-Filmen, sondern den Alptraum der demographischen Metamorphose.
Die Sozialsysteme könnten länger überleben, wenn die Menschen mehr Kinder bekämen, denn die junge Generation finanziert die Renten der Alten. Aber das Gegenteil passiert in allen reichen Ländern -- auch in den Vereinigten Staten oder Deutschland.
Ich stamme aus einem fernen Land, das die spanischen Eroberer ursprünglich Finis Terrae (Ende der Welt) nannten. Aber in unserem Zeitalter des global village möchte ich Ihnen ein bahnbrechendes Modell vorstellen, wie die Altersvorsorge durch Privatisierung gerettet werden kann. Wir haben dieses Modell in Chile vor 16 Jahren in die Tat umgesetzt (Vgl. "Empowering Workers: The Privatization of Social Security in Chile" ). Im Alter von 30 Jahren wurde ich der Minister für Arbeit und Soziale Sicherung in Chile. Das junge Team kreativer Mitarbeiter, mit denen ich die Reform auf den Weg brachte, fragte nicht "Warum?", sondern eher wie Bobby Kennedy, "Warum nicht?".
Warum sollten die Arbeitnehmer nicht das beste soziale Sicherungssytem bekommen? Ein System nicht nur für die Besserverdienden, die zusätzlich für eine private Altersvorsorge sparen können, sondern auch für diejenigen, die es sich angesichts erdrückender Sozialversicherungsbeiträge nicht leisten können, mehr auf die hohe Kante zu legen. Wir kamen auf eine ganz simple Idee: Allen Arbeitnehmern sollte erlaubt sein, ihren bisherigen Rentenversicherungsbeitrag auf ein individuelles Pensionssparkonto (Pension Savings Account -- PSA) einzuzahlen, wobei sie selbst über ihr eigenes Geld wachen. Die Mittel dieser Fonds würden in ertragreiche Anlagen investiert, selbstverständlich diversifiziert; nicht alle Eier würden in einen eigenen Korb gelegt werden. Und so hätten die Arbeitnehmer schließlich einen eigenen Kapitalstock, wenn sie in den Ruhestand gingen. Das gesamte System würde von privaten Unternehmen verwaltet werden, die untereinander im harten Wettbewerb stehen. Es dürfte weder Eintrittsbarrieren für neue noch Anfangsvorteile bereits bestehender Finanzinstitutionen geben. Die Pensionssparkonten wären übertragbar, so daß Arbeitnehmer sie mitnehmen könnten, wenn sie den Vermögensverwalter wechseln wollten.
Unsere vielleicht schwierigste Aufgabe war die Entwicklung eines praktikablen Übergangs zum neuen System. Dazu haben wir drei Regeln aufgestellt:
- "Tue Deiner Großmutter nicht weh": Die Zahlungen an die vorhandenen Rentner werden garantiert;
- "Laßt den Arbeitnehmern die freie Wahl": Angebot an alle, entweder im umlagefinanzierten System zu bleiben oder freiwillig in das neue kapitalgedeckte System zu wechseln; und
- "Lade nicht noch mehr Schulden auf die Schultern Deiner Enkel": Das bisherige Versorgungswerk des umlagefinanzierten Systems wird geschlossen. Wir haben dabei auch eine verantwortungsbewußte Finanzierung aller bisher im Umlagesytem erworbenen Ansprüche gefunden, ohne die Steuern zu erhöhen.
Das Ergebnis? Heute nutzen neun von zehn Arbeitnehmern in Chile das System der Pensionssparkonten. Über die letzten 15 Jahre haben sie eine durchschnittliche Verzinsung ihes eingesetzten Kapitals von real - inflationsbereinigt - 12 Prozent erzielt. Das ganze System der Altersversorgung wurde entpolitisiert, der gesellschaftiche Zusammenhalt wurde gestärkt. Die Wirtschaft hat natürlich auch profitiert:
- Es wurde mehr gespart (Chile hat eine Sparquote von 27 Prozent des Bruttosozialprodukts),
- die Kapitalproduktivität stieg, (weil das Geld in die Marktwirtschaft investiert wurde), und
- es gab einen Beschäftigungsschub, weil die die Arbeitskosten belastenden Rentenversicherungsbeiträge abgeschafft wurden (die Arbeitslosenquote beträgt in Chile 5,5 Prozent).
Insgesamt: höheres Wirtschaftswachstum und mehr Chancen für alle.
Joe Klein, ein amerikanischer Publizist, kam 1994 nach Chile, um sich anzuschauen, ob all dies wirklich wahr sei. Zurück in den USA, veröffentlichte er im Wochenmagazin Newsweek unter dem Titel "If Chile Can Do It . . . ": Das Chilenische System ist vielleicht das erste Modell im Bereich der Sozialpolitik, das von der südlichen Erdhalbkugel ausgeht." Wenn mein ältester Sohn, der in Boston geboren wurde und einen amerikanischen Paß hat, eines Tages in den USA arbeiten wird, wird er vielleicht seinen Pensionsfonds von einem chilenischen Pensionssparkonto auf ein amerikanisches Pensionssparkonto übertragen können.
(Übersetze Version eines Artikels aus "WIRED", Februar 1997.)
Das Frankfurter Institut bietet mehrere Veröffentlichungen zur Frage der Rentenreform in Deutschland an. Darin finden sich konkrete Vorschläge für eine kapitalgedeckte Alterssicherung in Deutschland.
Übersetzung durch
Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirschaft und Politik
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